RECHNEN FÜR ALLE
Vom Lernen im Gleichschritt zum Lernen an gemeinsamen Aufgabenformaten
Wie alle Kinder unabhängig von ihren individuellen Lernvoraussetzungen gemeinsam mit ihren Lehrer:innen mit Freude und Erfolg Rechnen lernen können
4. überarbeitete Auflage mit einem Vorwort von Professorin Andrea C. Schmid
- Webseite aktualisiert am 8.4.2026
- grün markierte unterstrichene Textstellen führen zu PDF-Dateien oder sind mit Webseiten weiterführenden Inhalts verlinkt
- Literaturhinweise beziehen sich auf die Literaturliste, die unter dem Menupunkt "Vorwort und Inhalt" zu finden ist
- Unter "Kindern mit mathematischen Lernschwierigkeiten" subsummieren wir etwa 25% aller Kinder eines Jahrgangs. Darunter fallen Kinder mit einem festgestellten Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot ("Kinder mit erhöhtem Förderbedarf" bzw. "Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf"), Kinder mit Rechenschwäche bzw. Dyskalkulie, aber auch alle anderen Kinder, denen das (Rechnen) Lernen aus unterschiedlichen Gründen nicht so leicht fällt wie Kindern, denen das (Rechnen) Lernen aus unterschiedlichen Gründen eben leichter fällt.
Vom Lernen im Gleichschritt und der Herausforderung, nach Lösungen für einen inklusiven Aufbau des arithmetischen Anfangsunterrichts zu suchen
Manche Menschen lernen (mathematische) Inhalte schneller, manche langsamer. Manche Kinder können bei Schuleintritt schon ganz gut rechnen, andere kaum zählen. In der Schule erwartet sie ein arithmetischer Anfangsunterricht, der strukturell auf das Erlernen des Zehnerstoppverfahrens (begrenzte Zahlenräume, Auswendiglernen der Zahlzerlegungen der Zahlen im Zehnerraum) ausgerichtet ist. Die Lerninhalte der ersten zwei Schuljahre werden dabei unmittelbar aufeinander aufgebaut:
"Ein sicheres Zahlverständnis ist z. B. die Voraussetzung für ein tragfähiges Operationsverständnis der Addition. Dieses ist wiederum die Voraussetzung für eine verstehensorientierte Erarbeitung und für die anschließende Automatisierung des sogenannten kleinen Einspluseins. Das kleine Einspluseins ist wiederum Voraussetzung, um im Zahlenraum bis 100 sicher rechnen zu können." (FÖDIMA, 2024, S. 4)
Die Lerninhalte werden nacheinander im Gleichschritt erlernt, das erfolgreiche Erlernen eines Inhalts ist jeweils die Voraussetzung für das Erlernen des nächsten. Kinder mit mathematischen Lernschwierigkeiten, die zu Beginn des ersten Schuljahres in aller Regel sehr viel weniger Vorwissen als andere Kinder haben, sollten im Anfangsunterricht neue Lerninhalte nicht nur "im Gleichschritt" ebenso schnell lernen wie ihre Schulkamerad:innen, nein, sie sollten, um Lernrückstände aufzuholen (und um Lerninhalte immer wieder zu erlernen, die sie diese wegen oft weniger guten Gedächtnisleistungen nach den Ferien, am nächsten Schultag oder nach dem Wochenende oft schon wieder vergessen haben), sobald sie in die Schule gehen, neue Lerninhalte zunächst sogar deutlich schneller lernen können als alle anderen Kinder.
Beim Lernen im Anfangsunterricht in unseren Grundschulen gilt: Je weniger mathematisches Vorwissen Kinder in die Schule mitbringen, je lernschwächer sie als Kindergartenkinder sind, desto mehr und daher schneller als alle anderen Kinder sollten sie dann als Schulkinder lernen können. Um erfolgreich arithmetische Basiskompetenzen erwerben zu können, sollten sich Kindergartenkinder mit mathematischen Lernschwierigkeiten in mathematisch talentierte Schulkinder verwandeln.
Engagierte Lehrer:innen geben ihr bestes, aber Wunder geschehen meist nur in Märchen. Und so passiert, was man eigentlich erwarten könnte und was man leider heute überall in unseren Schulen sieht: viele Kinder sind mit der aktuellen didaktischen Vorgehensweise im Anfangsunterricht überfordert und können in unseren Grundschulen keine sicheren arithmetischen Basiskompetenzen erwerben.
Doch nicht nur Kinder, die mathematische Lerninhalte langsamer als andere erlernen können, sondern auch mathematisch talentierte Kinder finden in unseren Schulen keine günstige Lernumgebung: sie verfügen in der Regel bei Schuleintritt bereits über viele arithmetische Kompetenzen und das wenige Neue lernen sie meist schnell. Sie lernen den Mathematikunterricht nicht als einen Ort kennen, in dem sie täglich sich mit spannenden Aufgabestellungen auseinandersetzen und neue interessante Inhalte erlernen können.
Wir sollten uns bewusst werden, dass die aktuelle Didaktik des arithmetischen Anfangsunterrichts
- mit unmittelbar aufeinander aufgebauten, für alle Kinder in der gleichen Zeit nacheinander zu erlernenden Lerninhalten, trotz aller Differenzierungsbemühungen innerhalb einzelner Lernschritte, nicht mehr als ein Lernen im Gleichschritt mit Kindern mit höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ist
- von der didaktischen Grundstruktur weder auf das erfolgreiche Lernen des unteren noch des oberen Leistungsquartils ausgerichtet ist
- regelmäßig mathematisch talentierte Kinder unterfordert und Kinder, die langsamer lernen, überfordert und damit vielen Kindern sehr ungünstige Lernbedingungen bietet.
Lehrende an Hochschulen versuchen mit großem Einsatz mit immer neuen Projekten und Programmen wie „Mathe macht stark", PIKAS, FÖDIMA, usw. und einer besseren Lehrerausbildung (u.a. Programme wie QuaMath) die Folgen einer Didaktik, deren Grundstruktur für unsere großen Probleme in der Grundschule (mit-)verantwortlich ist, irgendwie in Grenzen zu halten. Engagierte Lehrer:innen bemühen sich Tag für Tag im Anfangsunterricht "niemanden zurückzulassen". Die Politik hat mit dem "Startchancenprogramm" das größte Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aufgelegt, um u.a. die Basiskompetenzen im Rechnen zu stärken.
Doch das grundlegende Problem bleibt: die "Didaktik des Gleichschritts" führt im Unterricht mit Kindern mit höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen regelmäßig zu Über- und Unterforderung zu "Lernlücken", zu Langeweile, zu Misserfolg, zu frustrierenden Situationen. Und so sehr wir uns wünschten, mit immer neuen Programmen das "Lernen im Gleichschritt" didaktisch zu optimieren: Bildungsstudien zeigen regelmäßig, dass wir auf diesem Weg trotz großer Anstrengungen mit unseren Bemühungen um einen erfolgreicheren Unterricht seit vielen Jahren nicht vorankommen und führen uns immer wieder vor Augen, wie weit wir von einem erfolgreichen Mathematikunterricht in der Grundschule entfernt sind.
So bleibt uns in der Aus-, Fort- und Weiterbildung tätigen Kolleg:innen weiterhin die große Herausforderung, einen, wie Frau Professorin Schmid im Vorwort dieser Handreichung fordert, "qualitativ guten und zieldifferenten Mathematikunterricht zu entwickeln, an dem alle Schüler:innen auf der Basis ihrer Fähigkeiten teilhaben und beitragen können."
Das Lernen im Gleichschritt ist in vielen Unterrichtsbereichen auf der Basis einer inklusiven Didaktik schon überwunden, die Transformation des arithmetischen Anfangsunterrichts steht an: Stellen wir uns der Herausforderung und lassen Sie uns mutig nach guten didaktischen Lösungen für einen neuen, inklusiven Aufbau des Anfangsunterrichts suchen, auf dessen Grundlage wir eine neue Didaktik des arithmetischen Anfangsunterrichts aufbauen können, die allen Kindern, von Kindern mit mathematischen Lernschwierigkeiten, auch Kindern mit erhöhtem Förderbedarf, bis hin zu mathematisch talentierten, gleichermaßen gute Lernbedingungen in einem gemeinsamen Unterricht bieten kann.
Wir haben uns als rund um inklusive Bildungsangebote und in der Fortbildung in Baden-Württemberg tätige Grund- und Sonderschullehrer:innen schon vor Jahren auf den Weg gemacht den arithmetischen Anfangsunterricht grundlegend zu überdenken, immer weiter zu verändern und stellen nun RECHNEN FÜR ALLE als einen ersten Lösungsansatz eines arithmetischen Anfangsunterrichts mit inklusivem Aufbau vor.
Um das Lernen im Gleichschritt zu überwinden, haben wir den Anfangsunterricht didaktisch neu aufgebaut: wir haben Lernarrangements entworfen, in denen wir vom ersten Schultag an jedem Kind an ausgesuchten "Aufgabenformaten" täglich eine große Anzahl von Anknüpfungspunkten für individuelles Lernen bieten können. Indem wir den Unterricht so organisieren, dass wir unterrichtsbegleitend permanent diagnostische Daten von allen Kindern, insbesondere die von den leistungsstärksten und -schwächsten einer Schulklasse, erheben, können wir während des Unterrichts Aufgabenstellungen innerhalb eines Formats problemlos an die aktuellen Lernbedürfnisse aller Kindern anpassen, d.h. wir können in jeder Unterrichtsstunde alle Kinder bzw. jedes Kind immer wieder in verschiedenen Lernbereichen in die "Zone der nächsten Entwicklung" führen und Tag für Tag auf dem Weg zum flexiblen Rechnen fordern (!) und fördern.
Mit einem neuen Aufbau des arithmetischen Anfangsunterrichts gelingt es uns, das gemeinsame Lernen in der Gruppe neu auszurichten, das "Lernen im Gleichschritt" durch eine "individuelle Förderung an gemeinsamen Aufgabenformaten" zu ersetzen und damit jedes einzelne Kind ungleich effektiver und erfolgreicher als im herkömmlichen Unterricht zu fördern. Alle Kinder lernen mit Ableitungsstrategien zu rechnen und diese flexibel einzusetzen. Das gelingt Kindern mehr oder weniger schnell und in mehr oder weniger komplexen Rechensituationen.
Wir würden uns wünschen, dass Forschende und Lehrende der Mathematikdidaktik der Primarstufe am Beispiel unserer Konzeption
• nachvollziehen können, wie ein inklusiver arithmetischer Anfangsunterricht aufgebaut sein könnte und
• die Chancen erkennen, die sich für das erfolgreiche Erlernen des Rechnens in einem "Strategieunterricht" insbesondere für Kinder mit mathematischen Lernschwierigkeiten ebenso wie für mathematisch talentierte im inklusiven Unterricht ergeben können.
Mit der Veröffentlichung der vorliegenden Handreichung wollen wir auch zeigen, wohin uns der Weg im arithmetischen Anfangsunterricht in Grund- uns Sonderschulen in den nächsten Jahren in Theorie und Praxis führen könnte und an Hochschulen forschende und unterrichtende, geschätzte Kolleg:innen inspirieren, selbst Modelle eines inklusiven Anfangsunterrichts zu entwickeln,
- die sich im Unterricht leicht umsetzen lassen und auch von fachfremd unterrichtenden Kolleg:innen unterrichtet werden können
- die ohne Förderunterricht auskommen, da man sich auf Förderstunden man sich der Schulwirklichkeit nicht verlassen sollte
- die für Lehrer:innen mit einem mittleren Arbeitsaufwand in der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts organisiert werden können
- auf deren Grundlage Lehrer:innen in einem gemeinsamen Unterricht allen Kindern vom ersten Schultag an auf ihren individuellen Leistungsniveaus Tag für Tag individuell fordernde und fördernde Lernangebote auf dem Weg zum flexiblen Rechnen machen können.
Auf dieser Webseite finden Sie viele weitere Informationen und alle Inhalte der Handreichung RECHNEN FÜR ALLE im PDF-Format. Wenn Sie gerne eine gedruckte Version haben möchten, wenden sie sich bitte an uns.
2026 planen wir Kolleg:innen Möglichkeiten eines Austauschs zu bieten, Unterrichtsbesuche zu organisieren und auf ihren Wunsch hin zu vernetzen. Falls wir Ihr Interesse geweckt haben sollten, würden wir uns freuen, wenn Sie uns / wenn wir Sie auf dem Weg zu einem arithmetischen Anfangsunterricht, in dem alle Kinder mit Freude und Erfolg rechnen lernen können, begleiten könnten. Melden Sie sich.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen dieser Webseite.
Martin Blum - im Namen des RECHNEN-FÜR-ALLE-Teams