Vom Zehnerstopp- zum Strategieunterricht


B) Organisation des Lernens an gemeinsamen Aufgabenformaten im Strategieunterricht
 

Es gelingt im Strategieunterricht im nach oben offenen Zahlenraumrelativ recht problemlos, Kindern Aufgabestellungen an einem Aufgabenformat auf unterschiedlichen Leistungsniveaus zu bieten. 

Wir können im nach oben offenen Zahlenraum 

  • ausgehend von einem  Zahlentripel wie "6+4=10" eine große Anzahl von Aufgabestellungen über Nachbar-, Analogie- und Nachbar- von Analogiebeziehungen sowie der Anwendung verschiedener Rechengesetze lösen (S. 17-18 und S. 26-27). 
  • ausgehend von (einer bildlichen Vorstellung) einer arabischen Zahl wie der "14" und der Kenntnis unseres Stellenwertsystems eine große Anzahl von Aufgabestellungen über Nachbar-, Analogiebeziehungen auf der Grundlage von vier Ableitungsstrategien und der Anwendung von Rechengesetzen lösen  (S. 28-29).

Der Erfolg des in RECHNEN FÜR ALLE beschriebenen Unterrichtskonzepts beruht darauf, dass wir jedem Kind Tag für Tag eine passgenaue Förderung auf seinem individuellen Leistungsniveau in verschiedenen Lernbereichen bieten können. 
Mit einem differenzierenden bzw. individualisierenden Unterricht ist normalerweise verbunden, dass Lehrer:innen genau wissen, wo jedes Kind in ganz unterschiedlichen Lernprozessen steht und darauf aufbauend sich für Kindergruppen und einzelne Kinder eine passende Förderung überlegen. Konkret bedeutet das oft, dass Lehrer:innen nicht nur jeden Tag die Arbeitsergebnisse aller Kinder korrigieren und darauf aufbauend Kindern neue Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen müssen, es bedeutet auch, dass Lehrer:innen im Unterricht versuchen müssen, jedem Kind bzw. verschiedenen Kindergruppen Inhalte zu erklären bzw. zu üben. Das ist in einer Schulklasse eine Herausforderung.
Auch wir haben lange versucht, auf diese Art und Weise Kindern mit sehr heterogenen Lernvoraussetzungen im Anfangsunterricht gerecht zu wer-den. Das war mit einem oft sehr großen Arbeitsaufwand in der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts verbunden. 


Irgendwann haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht und die Differenzierung bzw. Individualisierung über die Unterrichtsmethode „Training“ neu organisiert. Den Teil des Unterrichts, in dem wir in der Großgruppe am Aufbau des Zahlverständnisses arbeiten und das Rechnen erlernen, organisieren wir mittlerweile in einem täglichen gemeinsamen "Mathetraining" (Seite 14 ff.).  

In diesem kommen wir ausgehend von einem Aufgabenformat, d.h. von einem arithmetischen Faktum wie "6+4=10" oder von einer arabischen Zahl wie der "14" (Trainingsfelder 4 und 5) ins Rechnen und können dabei

  1. allen Kindern mit unterschiedlich komplexen Aufgabestellungen auf verschiedenen Abstraktionsniveaus individuelle Lernangebote machen und jedem Kind in Tag für Tag eine große Zahl von Anknüpfungspunkten für individuelles Lernen bieten
  2. einfachere Aufgabestellungen für lernschwächere Kinder (beliebig) oft in aufeinanderfolgenden Mathetrainings wiederholen, solange bis auch Kinder mit Lernschwierigkeiten diese nicht nur verstanden haben, sondern auch so lange üben konnten, bis ihnen basale Lerninhalte geläufig sind und jedes Kind grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten bezogen auf einen Lerngegenstand erworben hat
  3. parallel leistungsstarke Kinder problemlos Tag für Tag im nach oben offenen Zahlenraum mit Aufgabestellungen im selben Aufgabenformat, d.h. auf der Grundlage desselben Zahlentripels oder derselben arabischen Zahl, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringen.

Im Mathetraining können wir sowohl nach "unten" als auch nach oben" uns flexibel und leicht an das an das Lerntempo und an das Leistungsniveau (Seite 16-18) unterschiedlich leistungsstarker Kinder anpassen, indem wir allen Kindern mit unterschiedlich komplexen Aufgabestellungen auf verschiedenen Abstraktionsniveaus individuelle Lernangebote machen und jedem Kind in Tag für Tag eine große Zahl von Anknüpfungspunkten für individuelles Lernen bieten. 

Tag für Tag erleben wir, wie alle Kinder, jedes Kind auf seinem individuellen Lernstand, in unserem Mathetraining bei ganz verschiedenen Aufgabestellungen Lösungen auf sprachlich-symbolischer Ebene näherkommen, dieses Niveau bald erreichen und dann Aufgabestellungen auf symbolischer Ebene Tag für Tag immer schneller und zunehmend automatisiert lösen können.  Das alles können Lehrer:innen als Mathetrainer:innen, ähnlich wie Sportlehrer:innen mit einem überschaubaren Aufwand in der Vor- und Nachbereitung organisieren. 

Damit halten wir einen Strategieunterricht - so wie wir diesen didaktisch interpretieren bzw. umsetzen - als solchen und insbesondere in der Kombination mit der Unterrichtsmethode "Training" als sehr gut für die Differenzierung und Individualisierung und damit das gemeinsame Lernen in heterogenen Gruppen im Anfangsunterricht geeignet. Durch die Umstellung des Unterrichts auf einen Strategieunterricht und das damit verbundene Weglassen des Zehnerstopps können wir das "Lernen im Gleichschritt" hinter uns lassen, von Anfang an im nach oben offenen Zahlenraum arbeiten und dabei alle Kinder, auch sehr leistungsstarke, mit Aufgabestellungen an einem Aufgabenformat auf unterschiedlichen Leistungsniveaus problemlos Tag für Tag fordern und fördern. 

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