(Inklusive) Didaktik
Wie Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen im arithmetischen Anfangsunterricht der Grundschule gemeinsam Rechnen lernen
Professorin A. Christine Schmid im Vorwort dieser Handreichung:
"Nicht zuletzt das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 und die gesammelten Ergebnisse aus den PISA-Studien weisen immer wieder auf die hochaktuelle Herausforderung hin, im gemeinsamen Unterricht mathematische Basiskompetenzen zu lehren und zu lernen... Es gilt, einen qualitativ guten und zieldifferenten Mathematikunterricht zu entwickeln, an dem alle Schüler:innen auf der Basis ihrer Fähigkeiten teilhaben und beitragen können."
Übersicht:
Teil 1: RECHNEN FÜR ALLE - ein inklusiver Ansatz für den arithmetischen Anfangsunterricht
Teil 2: Die aktuelle Ausrichtung des Anfangsunterrichts der Mathematikdidaktik der Primarstufe
Teil 3: Grenzen der aktuellen Mathematikdidaktik der Primarstufe im Anfangsunterricht in inklusiven Bildungsangeboten
Teil 4: RECHNEN FÜR ALLE als eine Möglichkeit einer didaktischen Konzeption eines inklusiven Anfangsunterrichts
1. RECHNEN FÜR ALLE - ein inklusiver Ansatz für den arithmetischen Anfangsunterricht
RECHNEN FÜR ALLE ist ein aus der Sonderpädagogik heraus entwickelter inklusiver Anfangsunterricht, in dem Kinder mit Lernschwierigkeiten beim Erlernen des Rechnens in ihrem Lerntempo mit Hilfen aus dem Werkzeugkasten der Sonderpädagogik ein Zahlverständnis aufbauen, erfolgreich in einem Strategieunterricht Rechnen lernen können und als Konzept für einen inklusiven Unterricht zudem noch "grundschultauglich" ist: uns gelingt es vom erstem Schultag an über gemeinsame Aufgabenformate auch lernstarke Kinder Tag für Tag mit für sie spannenden und herausfordernden Aufgabestellungen zu fördern.
Das Konzept RECHNEN FÜR ALLE ist in einem über viele Jahre dauernden Veränderungsprozess in der Schulpraxis im Bereich des Schulamtes Rastatt entstanden. Handlungsleitend bei der Entwicklung dieses inklusiven Unterrichtsansatzes waren Impulse aus der Mathematikdidaktik, Grundlagen der Sonder- bzw. Inklusionspädagogik und, neben der individualpsychologischen Erziehungslehre und der Trainingslehre ganz wichtig: Erkenntnisse der neurokognitiven Forschung, die für uns die Grundlage bilden, den Erwerb arithmetischer Kompetenzen mit den den verschiedenen Teilkomponenten im Bereich der Zahlenverarberitung und des Rechnens zu beschreiben.
Herausgekommen ist ein Anfangsunterricht, der scheinbar alles auf den Kopf stellt, was wir selbst im Anfangsunterricht erlebt haben und wir derzeit in unseren Schulen sehen. Professorinnen aus dem Bereich der Psychologie und der Sonderpädagogik bzw. Inklusionswissenschaft ordnen unseren Ansatz aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive als fachlich fundiert ein und halten unser Konzept als sehr gut für die Förderung und den Unterricht geeignet. „Engagierte Lehrpersonen finden in "RECHNEN FÜR ALLE" sehr gute Anleitungen zu einem modernen, strategieorientieren Mathematikunterricht.“ (Landerl, K. , siehe "Startseite")
RECHNEN FÜR ALLE ist als inklusiver Anfangsunterricht für den Einsatz in Grundschulen gedacht, wir bekommen mit der Veröffentlichung unseres Konzepts viel Resonanz und Einordnungen aus der Sonderpädagogik und der Psychologie, jedoch bis jetzt keinerlei Feedback von Hochschullehrer:innen aus dem Bereich der Mathematikdidaktik der Primarstufe. Das hat uns neugierig gemacht und wir haben den Kontakt zu Lehrenden in diesem Bereich gesucht:
2. Die aktuelle Ausrichtung des Anfangsunterrichts der Mathematikdidaktik der Primarstufe
Wenn wir als Sonderpädagog:innen mit Mathematikdidaktiker:innen der Primarstufe sprechen, erfahren wir, dass wir im Anfangsunterricht in unterschiedlichen didaktischen Welten leben. Während in der Sonder- und Inklusionspädagogik die Diagnostik und die Beschreibung individueller Fördermaßnahmen oft im Mittelpunkt stehen, versucht die Mathematikdidektik der Primarstufe mittels verschiedener Qualitätskriterien einen guten Mathematikunterricht zu konzipieren, der für möglichst viele Kinder gute Lernbedingungen schaffen soll.
Mathematikdidaktiker:innen der Primarstufe beschreiben Verstehensgrundlagen für erfolgreiches Mathematiklernen im Anfangsunterricht im "Orientierungsrahmen Arithmetische Basiskompetenzen" (PIKAS). Der Orientierungsrahmen bietet Lehrer:innen didaktische Hilfen zum Aufbau des Zahl-, Operations- und Stellenwertverständnisses.
Auf der Grundlage des Orientierungsrahmens denken Mathematikdidaktiker:innen der Primarstufe guten Mathematikunterricht vor allem ausgehend von fünf Prinzipien guten Mathematikunterrichts, die sie in Absprache mit Lehrkräften und der Forschung ausgehandelt haben:
- Verstehensorientierung,
- Lernendenorientierung & Adaptivität,
- Kommunikationsförderung,
- Durchgängigkeit und
- Kognitive Aktivierung.
(vgl. dazu die Handreichung: "Fünf Prinzipien guten Mathematikunterrichts", erstellt im Projekt QuaMath des Deutschen Zentrums für Lehrkräftebildung Mathematik, erweitert duch Beispiele aus dem Projekt PIKAS, Stand Januar 2025),
Auf der Grundlage dieser Qualitätskriterien wird der Unterricht konstruiert: Wie baut man das Operationsverständnis von Kindern verstehensorientiert auf? Wie begleiten wir die Subtraktion sprachlich? Wie schaffen wir es, dass wir die Kinder nicht nur rechnen lassen, sondern herausfordern und kognitiv aktivieren? Was sind langfristig tragfähige Darstellungen, auf die die Kinder auch noch am Ende der Primarstufe und in der Sekundarstufe zurückgreifen können etc.
Ein Mathematikunterricht auf diesen Grundlagen soll ein gutes Lernumfeld für alle Kinder bieten.
3. Grenzen der aktuellen Mathematikdidaktik der Primarstufe im Anfangsunterricht in inklusiven Bildungsangeboten
Der aktuelle "Orientierungsrahmen Arithmetische Basiskompetenzen" (PIKAS) bietet Lehrer:innen u.a. didaktische Hilfen zum Aufbau des Operationsverständnisses an. So bedeutet der Aufbau des Operationsverständnis beispielsweise, dass
- Kinder Grundvorstellungen entwickeln,
- Darstellungen vernetzen
- und Strukturen und Aufgabenbeziehungen nutzen.
Lehrer:innen lernen, dass die Darstellungsvernetzung eine ganz wichtige Rolle spielt, damit Kinder Vorstellungen davon entwickeln, was die einzelnen Rechnungen und Ableitungsstrategien bedeuten.
Auf wie viele Arten man 8 + 7 lösen kann, sieht man zum Beispiel auf folgender im Rahmen von QuaMath-Fortbildungen verwendeten Folie:

Verschiedene Rechenstrategien sind hier mit Darstellungen vernetzt. Bei der Erarbeitung der vernetzten Darstellung werden die oben aufgeführten fünf Prinzipien guten Mathematikunterrichts angewandt: so ist beispielsweise die Kommunikation, hier also die sprachliche Begleitung sehr wichtig. Kinder brauchen Sprache nämlich nicht nur zum Kommunizieren, sondern auch zum Denken. Erst wenn sie die geeigneten Sprachmittel haben, um ihre Rechnung zu versprachlichen, können sie diese auch denken.
Mathematikdidaktiker beschreiben Verstehensgrundlagen für erfolgreiches Mathematiklernen in der Primarstufe in oben beschriebenen Kategorien und denken guten Mathematikunterricht in den fünf Prinzipien guten Mathematikunterrichts.
Darstellungsvernetzung im inklusiven Kontext
Auf der Darstellung sind vier Rechenstrategien veranschaulicht. Das Verstehen jeder einzelnen Darstellung, das Verstehen jeder einzelnen der vier ikonisierten Rechenstrategien, ist für manche Kinder eine Herausforderung, da sie oft immer wieder einen handelnden Bezug brauchen. So kann jede der vier Darstellungen für einzelne lernschwächere Kinder eine anspruchsvolle Lernsituation darstellen, das wiederholte Analysieren und verstehen von vier verschiedenen Darstellungen in Folge kann bei Kindern, die über weniger gute induktive Denk- und Gedächtnisleistungen verfügen, leicht zu einer Überforderung führen.
Würde man in einem inklusiven Unterricht in der Grundschule für Kinder mit mathematischen Lernschwierigkeiten immer wieder konkret den handelnden Bezug mit Material so lange herstellen, bis alle Kinder einzelne Darstellungen verstehen und Rechenstrategien zuordnen können, ständen wir vor der nächsten Herausforderung: da sich die Lernsituation mit der Erarbeitung jeder Darstellung mit insgesamt vier Rechenstrategien sehr in die Länge zieht, haben Kinder mit weniger guten Gedächtnisleistungen zuvor analysierte Darstellungen bereits wieder vergessen. So gelingt es Kindern nicht, eine Vorstellungen davon entwickeln, was die einzelnen Rechnungen und Ableitungsstrategien bedeuten, da sie bereits das gleichzeitige Erfassen der vier Strategien zur Lösung der Aufgabe "7+8=?" (weit) überfordert.
Kinder mit weniger guten Fähigkeiten zum Analysieren, Vergleichen und Systematisieren und weniger guten Fähigkeiten in der Kurz- und Langzeitspeicherung brauchen vielmehr für sie überschaubare Lernsituationen, um neue Strukturen zu erlernen.
Der von den PIKAS- und QuaMath-Machern wohldurchdachte Mathematikunterricht, in dem vier Rechenstrategien gleichzeitig erlernt und verglichen werden, stellt sich aus sonderpädagogischer Sicht als nicht "inklusiv" für viele lernschwächere Kinder heraus.
Wir wollten an dieser Stelle an einem Beispiel deutlich machen, wie die Ausrichtung der modernen Mathematikdidaktik im Grundschulbereich lernschwächeren Kinder oft noch kein Lernumfeld bietet, in dem sie erfolgreich mit Freude Rechnen lernen können. Viele weitere, für den inklusiven Unterricht weniger gut oder nicht geeignete Unterrichtsbeispiele ließen leicht finden.
Zusammenfassung: Analysieren Sonderpädagog:innen gemeinsam mit Grundschulkolleg:innen in inklusiven Bildungsangeboten Lernsituationen, die auf den oben genannten Grundlagen für den Grundschulunterricht erstellt wurden, so halten erfahrene Sonderpädagog:innen diese für lernschwächere Kinder oft für ungeeignet: "Das ist nichts für unsere Kinder". Lernschwächere Kinder, also Kinder, denen es in der Regel nicht leicht fällt neue abstrakte Lerninhalte zu erlernen, die beim Lernen weniger gute Arbeitsgedächtnisleistungen haben und einmal Gelerntes nicht so schnell im Langzeitgedächtnis verfügbar haben, brauchen einen Mathematikunterricht, der zusätzlich ihre intellektuellen Lernvoraussetzungen berücksichtigt und damit anderes organisiert werden muss.
4. RECHNEN FÜR ALLE als eine Möglichkeit einer didaktischen Konzeption
eines inklusiven Anfangsunterrichts
Wir sehen unseren Ansatz als Möglichkeit einer didaktischen Konzeption eines inklusiven Anfangsunterrichts und haben es als solches an (nahezu) alle mit der Mathematikdidaktik der Primarstufe im Grund- und Sonderschulbereich befassten Hochschulen im deutschsprachigen Raum verschickt.
Ein Strategieunterricht passt unseres Erachtens auch prima zu unseren Bildungsstandards - während im auf das Erlernen des Zehnerstopps orientierten Unterricht das Erlernen eines Rechenverfahrens (einer "Rechentechnik", Seite 43-45) im Mittelpunkt steht, ist das Lernen im Strategieunterricht auf das Lernen von Beziehungen, Mustern und Strukturen ausgerichtet.
So könnte unsere Konzeption, die über Jahre bereits in der Schulpraxis erprobt wurde, auch Hochschulen Impulse für den Entwurf eines erfolgreicheren Mathematikunterrichts in Grund- und Sonderschulen geben.
Dazu müssten unsere Kolleg:innen an Hochschulen verstehen, worum es geht: hinter diesem inklusiven Unterrichtskonzept steht ein Paradigmenwechsel, es geht nicht darum, die Mathemetikdidakt in der Primastufe immer weiter zu optimieren und bei einem Lernen im Gleichschritt immer mehr Kinder zu erreichen. Das Ziel des inklusiven Unterrichtsansatzes ist es, einen Unterricht zu organisieren, in dem wir über das Lernen an gemeinsamen Aufgabenformaten den Schwächsten optimale Lernbedingungen bieten und die Stärksten vom erstern Schultag mit für sie interessanten und spannenden Aufgabestellungen fordern und fördern können.
Ziel ist, auf diese Weise keine "abgehängten" Kinder in unseren Grundschulen mehr zu sehen und in der Breite viele leistungsstarke Kinder hervorzubringen. Ein anderes ist es auch, Kindern das Erleben einer starken Gemeinschaft zu ermöglichen, in der sie getragen von der Wertschätzung ihrer Klassenkameraden mit Freude (Rechnen) lernen und sich zu gemeinwohlorientierten Persönlichkeiten entwickeln.
RECHNEN FÜR ALLE
ISBN 978-3-9827106-3-1
4. Auflage im September 2025
Kostenlose Ansichtsexemplare derzeit in beschränktem Umfang erhältlich über den Autor