Förderkonzepte
Teil 1: Ziel- und Leistungsvereinbarungen und wissenschaftlich fundierte Förderkonzepte:
Baden-Württemberg geht einen neuen Weg zu mehr Professionalität im Unterricht
Teil 2: Grenzen wissenschaftlich orientierter Matheförderkonzepte im "Unterricht der fest aufeinander aufgebauten Lernschritte"
in einem auf das Erlernen des Zehnerstoppverfahrens ausgerichteten Unterricht
Teil 3: Förderung im "Strategieunterricht"
Anmerkung: Was muten wir unseren (kleinen) Kindern im Anfangsunterricht zu? Muss das sein?
1. Ziel- und Leistungsvereinbarungen und wissenschaftlich fundierte Förderkonzepte: Baden-Württemberg geht einen neuen Weg zu mehr Professionalität im Unterricht
Ansichten und Überzeugungen über erfolgreichen Unterricht gehen innerhalb der Lehrerschaft weit auseinander. Ergebnisse der Unterrichtsforschung, Forschungsergebnisse der neurokognitiven Psychologie und einige relevante Aspekte der mathematikdidaktischen Diskussion finden kaum bzw. keinen Eingang in unsere Klassenzimmer. Auf der Webseite der Uni Köln fasst Matthias Grünke (2025) die aktuelle Situation zusammen: „Kaum eine empirisch gewonnene Einsicht zur effektiven Vermittlung von Lese-, Schreib- oder Rechenkompetenzen findet Eingang in die Praxis des gemeinsamen Lernens.“
In Baden-Württemberg gibt es eine sehr erfreuliche Entwicklung: das Land hat aus den Ergebnissen verschiedener Bildungsstudien und Leistungsvergleichen einen dringenden Handlungsbedarf bei der Qualitätsverbesserung des Unterrichts abgeleitet und sich auf den Weg gemacht, eine systematische datengestützte Qualitätsentwicklung auf- und auszubauen. Qualitätsrelevante Bereiche im Bildungssystem werden kontinuierlich analysiert und verbessert. Unter anderem werden derzeit wissenschaftlich fundierte Förderkonzepte in Schulen implementiert.
1. Ziel- und Leistungsvereinbarungen führen Schulen zu wissenschaftlich orientierter Förderung
Daten von Lernstandserhebungen und Vergleichsarbeiten (die Teil der Gesamtstrategie der Kultusministerkonferenz zum Bildungsmonitoring sind) bilden in jährlich stattfindenden Gesprächen zwischen der Schulaufsicht und Schulleitungen die Beurteilungsgrundlage, inwieweit es Schulen gelungen ist, die in den Bildungsstandards formulierten Erwartungen an den Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Sie sind eine wesentliche Basis für die in dreijährigen Turnus stattfindenden Ziel- und Leistungsvereinbarungen. Für die Erreichung der Ziele können Schulen u.a. auf erprobte Projekte zurückgreifen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über wirksame Förderung gründen, systematisch evaluiert werden und sich als besonders wirksam für die Förderung herausgestellt haben.
2. Verbindliche Förderzeiten mit nach wissenschaftlichen Standards entwickelten und evaluierten Programmen
Das Kultusministerium schreibt Grundschulen mittlerweile eine verbindliche Leseförderung von 40 Minuten in der Woche vor. Für die Leseförderung können sie ein wissenschaftlich erprobtes Lesetraining einsetzen oder ein schuleigenes Lesekonzept vorlegen, das sie zuvor den Staatlichen Schulämtern zur Prüfung vorlegen und darin die Systematik und Evidenzbasierung nach landesweit festgelegten Kriterien nachweisen müssen.
Ab dem Schuljahr 2025/26 werden analog wöchentliche Matheförderzeiten aufwachsend in allen Klassenstufen eingeführt. Ziel ist die Förderung aller Schüler:innen gemäß ihres Lernstands in der Arithmetik unter besonderer Berücksichtigung der prozessbezogenen Kompetenzen. Das vor einigen Jahren gegründete Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) stellt für die Schulen wissenschaftsbasiertes Material bereit, welches ab dem Schuljahr 2027/28 verbindlich eingesetzt werden muss. Die Erstellung erfolgt durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in enger Zusammenarbeit mit Fachberaterinnen und Fachberatern des ZSL.
2. Grenzen wissenschaftlich orientierter Matheförderkonzepte im "Unterricht der fest aufeinander aufgebauten Lernschritte" in einem auf das Erlernen des Zehnerstoppverfahrens ausgerichteten Unterricht
Wie erfolgreich implementierte Förderkonzepte sind, hängt unter anderem auch wesentlich von dem Unterricht ab, auf den sie sich beziehen. So richten sich Förderprogramme zur Förderung grundlegender Rechenfertigkeiten in unseren Schulen im "Unterricht der fest aufeinander aufgebauten Lernschritte" auf einen auf das Erlernen des Zehnerstoppverfahrens orientierten Unterricht.
Dieser für uns alle selbstverständliche Lernweg ist jedoch für Kinder mit großen intellektuellen Herausforderungen verbunden: Kinder sollen zuerst im Zehnerraum alle 45 Zahlzerlegungen am besten auswendig lernen (hohe Anforderungen an das Langzeitgedächtnis), um danach im Zwanzigerraum das mehrstufige, komplexe Zehnerstoppverfahren (hohe Anforderungen an das Langzeit- und Arbeitsgedächtnis) zu erlernen und in verschiedenen Rechensituationen anzuwenden ("Das Zehnerstoppverfahren" → S. 36-38). Diese bei uns übliche Vorgehensweise im Anfangsunterricht ist nicht nur für viele Kinder intellektuell sehr herausfordernd, sie führt didaktisch zur künstlichen Begrenzung von Zahlenräumen und damit für den Aufbau des Zahlverständnisses und die Organisation eines differenzierenden bzw. individualisierenden Unterrichts zu recht ungünstigen Ausgangslagen. Unser Unterricht überfordert regelmäßig über lange Zeiträume eine große Anzahl von Kindern mit einem (für ihr Alter) sehr komplexen Lerngegenstand ("Ist ein auf das Erlernen des ZSV orientierter Unterricht erfolgreich?" vgl. dazu eine Studie von Michael Gaidoschik → S. 37) und führt viele Kinder (in ihrer Not) im Anfangsunterricht zum zählenden Rechnen und damit über längere Zeiträume zur kontraproduktiven Anwendung einer vollkommen unnützen Lösungsstrategie.
Da viele Kinder grundlegende Rechenfertigkeiten in unserem auf das Erlernen des Zehnerstoppverfahrens ausgerichteten Anfangsunterricht nicht bzw. nicht sicher erwerben können, müssen wir regelmäßig "Feuerwehr spielen": überall in Deutschland werden Förderkonzepte für die Förderung von Basiskompetenzen erstellt und mit großem Engagement auch das Startchancenprogramm des Bundes an ca. 4000 Schulen durchgeführt. Die Förderkonzepte beziehen wieder auf Inhalte unseres Zehnerstopp-Unterrichts (Zahlenhäuser: permanentes Training der Zahlzerlegungen im Zehnerraum; Aufbau des Zahlverständnisses in begrenzten Zahlenräumen, in denen Muster und Strukturen nicht bzw. kaum sichtbar werden (??), ...). Die Feuerwehr hat es schwer, denn sie kann die Ursachen des Feuers schwerlich bekämpfen - trotz intensiver Förderbemühungen engagierter Lehrer:innen stoßen lernschwächere Kinder bei der in unseren Schulen üblichen didaktischen Vorgehensweise regelmäßig immer wieder an die Grenzen der Leistungen ihres Arbeits- und Langzeitgedächtnisses, ihrer (von Tag zu Tag schwankenden) Konzentrationsfähigkeit, manchmal auch ihrer Fähigkeit neue komplexe Lerninhalte zu erlernen, und letztlich auch ihrer Motivationsfähigkeit bei individuell als sehr fordernd empfundenen Aufgabestellungen. Die auf diesen Lernweg ausgerichtete Förderung ist für viele Kinder, insbesondere für weniger begabte ebenso wie für ihre Lehrer:innen oft sehr mühsam und fordernd.
3. Förderung im Strategieunterricht!
Wir schlagen eine Förderung ähnlich wie im Deutschunterricht beim Erlernen des Rechtschreibens vor: hier hat sich ein "Strategieunterricht" (z.B. nach der FRESCH-Methode) als erfolgreicher Standard an unseren Schulen etabliert.
Wir organisieren in RECHNEN FÜR ALLE das Erlernen des Rechnens ebenso wie alle Fördermaßnahmen in einem Strategieunterricht, was u.a. Kindern mit weniger guten Gedächtnisleistungen ("Können bzw. sollen Kinder mit erhöhtem Förderbedarf Ableitungsstrategien erlernen?" →S. 42) mit der von uns konzipierten didaktischen Vorgehensweise im Unterricht (→ S. 14, 26-30) sehr entgegenkommt und mathematisch talentierten Tag für Tag Chancen eröffnet, ihre besonderen Fähigkeiten im Unterricht einzusetzen, zu trainieren und weiterzuentwickeln.
Mit der Umstellung auf den Strategieunterricht gelingt es uns seit Jahren über das Lernen an gemeinsamen Aufgabenformaten und einem regelmäßigen, gezielten Strategiewahltraining Unterricht und Förderung ungleich effektiver und erfolgreicher gestalten.
Wichtig erscheint ins in diesem Zusammenhang der Hinweis: mit künstlich begrenzten Zahlenräumen und der Fokussierung auf das Erlernen der Zahlzerlegungen im Zehnerraum ist der Anfangsunterricht in unseren Schulen auch heute, obwohl seit Jahren vermehrt Rechenstrategien angeboten werden, noch lange kein Strategieunterricht, denn zum Strategieunterricht gehört
- der von Anfang an offene Zahlenraum, in dem alle Kinder, insbesondere auch lernschwächere Kinder und Kinder mit Lernschwierigkeiten, ein großes Lern- und Übungsfeld haben in dem Zahlbeziehungen (die sich in Gesetzmäßigkeiten und Mustern wiederspiegeln) sichtbar werden, um als Voraussetzung für den Erwerb von Rechenstrategien Tag für Tag (!) solide basisnumerische Kompetenzen erwerben, üben und automatisieren zu können
- der von Anfang an offene Zahlenraum, in dem Kinder systematisch nach und nach Ableitungsstrategien mit einer großen Anzahl von Übungsmöglichkeiten erlernen und üben können
- der von Anfang an offene Zahlenraum, in dem Kinder mit einer großen Anzahl von Aufgabestellungen von Anfang an in regelmäßigen Unterrichtseinheiten systematisch die Strategiewahl erlernen und trainieren können
- der von Anfang an offene Zahlenraum, in dem Kinder das Rechnen mit Strategien in einem spiralförmig angelegten Unterricht in zunehmend komplexen Rechenzusammenhängen trainieren können (damit das Lernen zum erfolgreichen Weiterlernen wird)
- dass Lehrer:innen der Heterogenität der Leistungsniveaus einzelner Kinder in einem differenzierenden bzw. individualisierenden Unterricht Tag für Tag Rechnung tragen und Kinder mit interessanten Aufgabestellungen an einem Aufgabenformat auf unterschiedlichen Leistungsniveaus fordern und fördern können. Wesentliche Voraussetzung auch dafür ist wieder - der nach oben offene Zahlenraum!
Wollen wir, dass alle Kinder, insbesondere auch lernschwächere und Kinder mit Lernschwierigkeiten, die Chance haben, das Rechnen mit unterschiedlichen Strategien zu erlernen und diese flexibel zur Lösung von Kopfrechenaufgaben einsetzen zu können, reicht es nicht, im Anfangsunterricht on top Rechenstrategien anzubieten. Wir sollten (irgendwann) den Mut haben, die Ausrichtung unseres Unterrichts auf den "Zehnerstopp" und damit das Lernen in Gleichschritt aufzugeben um damit den Weg für einen professionellen und erfolgreichen Strategieunterricht in der Grundschule frei zu machen.
Einige ostasiatische Staaten machen uns vor, wie man das Verhältnis von leistungsschwachen und leistungsstarken Kindern in Bildungsstudien mit einem erfolgreichen Unterricht umkehren kann: am Ende der Grundschulzeit sollte es vielleicht noch ein leistungsschwaches Kind geben, aber fünf bis zehn leistungsstarke Kinder. Das ist unser Ziel, das halten wir auch in Deutschland mit einem inklusiven Anfangsunterricht und dessen Fortführung auf der Grundlage der Bildungsstandards für möglich, so definieren wir einen erfolgreichen Mathematikunterricht in der Grundschule.
Zusammenfassend halten wir die datengestützte Qualitätsentwicklung und die darauf aufbauende Praxis evidenzbasierter Förderung in Baden-Württemberg für einen wirklich großen Fortschritt, der uns zusammen mit einer für alle Kinder günstigen didaktischen Vorgehensweise im Anfangsunterricht die Tür für einen erfolgreichen Mathematikunterricht in der Grundschule öffnen könnte.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Anmerkung: Was muten wir unseren (kleinen) Kindern im Anfangsunterricht zu? Muss das sein?
Kinder mit ungünstigeren Lernvoraussetzungen und mathematisch talentierte Kinder freuen sich oft schon kurze Zeit nach der Einschulung nicht mehr auf den Matheunterricht: die einen finden Mathe langweilig, andere mögen Mathe nicht, weil Mathe so schwer ist (und finden Mathe daher oft auch "langweilig"). Kinder haben sich auf die Schule gefreut, waren stolz Schulkinder zu sein und sind schon nach kurzer Zeit desillusioniert, mehr oder weniger enttäuscht oder frustriert. Wir nehmen Kindern in der Schule in kürzester Zeit die Freude am Lernen, was erlauben wir uns?
Wir erleben seit vielen Jahren und zeigen in RECHNEN FÜR ALLE, wie das (Mathe-)Lernen allen Kindern unabhängig von ihren individuellen Begabungen großen Spaß machen kann: ein Puzzlestein ist der für das gemeinsame Lernen konzipierte Strategieunterricht, ein weiterer das in den Strategieunterricht integrierte Konzept "Leben und Arbeiten in Gruppen".
RECHNEN FÜR ALLE
ISBN 978-3-9827106-3-1
4. Auflage im September 2025
Kostenlose Ansichtsexemplare derzeit in beschränktem Umfang erhältlich über den Autor